Die Erde lebt. Es grummelt, zischt. Schwefelwolken steigen empor. Eine steife Brise, der Schnee ist zu Eisformationen gefrorenem Eine Vulkanskitour ist immer ein besonderes Erlebnis. Auf Europas höchstem und aktivstem Vulkan, dem Ätna (Sizilien), hat man einen 360° Rundumblick aufs Mittelmeer. Rein in die Bindung und Abfahrt.

Ein leises Meeresrauschen kriecht durch die schlecht isolierte Balkontür. Im Garten hängen Zitronen an den Bäumen. Der Mokkakaffee blubbert und zischt In der Küche. Wir sind in unserem Appartement an der Ostküste Siziliens und machen uns fertig für eine der wohl abgefahrensten Skitouren Europas. Noch eine gute halbe Stunde Anfahrt und wir stehen am Fuße des Ätna, Europas aktivstem Vulkan.

Es gibt zwei nennenswerte Skigebiete am Ätna. Das Skigebiet Linguaglossa Ätna Nord und die Funivia Etna im Süden. Beide Gebiete haben maximal eine Handvoll Lifte in Betrieb. Die genaue Anzahl schwankt, je nachdem wo gerade vulkanische Aktivität ist und welche Lifte von dem zähflüssigen Magma abgeräumt wurden. Die lokalen Skiclubs aus Sizilien trainieren hier Slalom und Abfahrtstechnik. Großfamilien sind dick in modischem 80er-Jahre-Onesuits gehüllt, spazieren umher und rodeln sich gegenseitig über den Haufen.

Bei vulkanischer Aktivität oder einem erwarteten Ausbruch ist die gesamte Region um den Vulkankegel gesperrt. Wir haben Glück. Aktuell scheint die Gefahr niedrig, auch wenn von weithin sichtbar Schwefelhaltige Wolken am Hauptkrater entstehen. Wir visieren das kleine Skigebiet im Norden des Vulkans an. Die Lifte sind in Betrieb, vielleicht drei – bis vier Dutzend Gäste versammeln sich. Die Schneemengen sind überschaubar, aber ausreichend, die Schneequalität ist eher als schwankend zu bezeichnen, windbeeinflusst, wenn man es positiv betrachtet.

Warum also nicht gleich den Gipfel versuchen

Wir genießen bei einigen kurzen Runden das Wetter und arbeiten an unserer Skitechnik. Der Plan meiner beiden Skitourenpartner Lea und Lorenzo und mir war es einen Ausgangspunkt und Abfahrtsmöglichkeiten zu erkunden am ersten Tag. Die Wolken hängen über dem Mittelmeer und werden dichter, der Vulkankegel ist dagegen wolkenfrei und fast windstill. Warum also nicht gleich den Gipfel versuchen.

Wir passieren einen anderen Tourengeher. Zum zehnten Mal versucht er es schon auf den höchsten Berg in seiner süditalienischen Heimat. Das erste Mal ist es so etwas wie „windstill“. An einem Vulkan in Meeresnähe bedeutet dies, man kann durchweg gerade aus gehen ohne alle paar Meter vom Wind umgeworfen zu werden.

Die vulkanisch austretenden Magmaströme am Ätna werden zu den dünnflüssigen gezählt, entsprechend flach breiten sie sich aus. Der Ätna ist dadurch kein besonders steiler Berg. Eher sogar ziemlich flach. Unsere Route führt uns vom Gebiet Ätna Nord immer der Nase entlang zum höchsten Punkt.

Löcher in der Schneedecke

Der Meereswind pfeift hier auf über 2000 Meter generell einige Stufen stärker als in einem geschützten Alpental. Kaum ein luftiges Schneekörnchen verirrt sich hier an die Oberfläche. Eis, eisiges Eis und Schnee gepresst in allerlei Eisformationen finden wir. Powder ist wieder mal aus. Die offensichtlichen Gefahren halten sich dadurch in Grenzen. Aufzupassen ist auf die unter der Schneeoberfläche befindlichen besonders warmen Regionen. Hier schmilzt der Schnee von unten und lässt mitunter beachtliche Hohlräume entstehen. Statt Spannung in der Schneedecke und Lawinen heißt es Vorsicht vor Löchern unter der Schneedecke.

Nach zwei Stunden sind wir bereits am Kraterrand des Hauptgipfels auf rund 3300m angelangt. Ein grummelnder Vulkan unter den eigenen Füßen hat eine ganz eigene Wirkung auf die menschliche Psyche. Regelmäßig ausgestoßene Schwefelwolken und das gut hörbare Grummeln – man erwischt sich bei dem Gedanken, dass ein verborgener Riese unter der Erde schlummert. Er atmet, schnarcht und pupst glücklich vor sich hin. Die Erde lebt.

Schwarze Materie

Abseits der präparierten Pisten breitet sich ein schwarzer Teppich aus. Schwarze Eiskristalle, gespickt mit spitzem Vulkangesteinsbröseln. Schwarzer Schnee. Mehrere kleine Ascheexplosionen und warme Temperaturen haben den Schnee auf der Südseite des Ätna vor unserer Reise in eine schwarze Materie verwandelt. Am zweiten Tag mit guter Sicht cruisen wir semimotiviert an der authentisch verwitterten Eiergondel umher. Gut umgewandelter Firnschnee, vermischt und eingefärbt mit vulkanischer Asche und Gesteinsbröckchen.

Wir tasten uns langsam an diese ungewöhnliche Gleitunterlage heran. Minimal bremsender, als klassisch weißer Schnee ist der schwarze Mix aus Vulkanasche und Firn. Es liegt nicht besonders viel Schnee. Gerade ausreichend, dass sich zwischen den erstarrten Magmaströme kleine Schneecanaloni bilden. So wedeln wir in butterweichem Firn in mäßig steilem Gelände umher, spritzen mit schwarzen Schnee um uns, kurven wieder um einige geschwungene Felsbröckchen, fahren Eiergondel, blicken aufs Mittelmeer, trinken in den ausgedehnten Pausen sehr authentischen Kaffee und essen Brioche. Es könnte schlechter sein.

Zuhause zeigt sich die besondere Kraft der schwarzen Materie: Von den Skispitzen bis zum Hosenbein ist alles mit einer dreckigen braun-schwarzen Rostschicht überzogen. Das freut sich die Waschmaschine und das Fahrradkettendöl darf bei der Antirostparty auch mitfeiern. Freeriden auf schwarzem Schnee. Sachen gibt’s.

Freeriden an den Brüsten Sophia Lorens!

Beim letzten nennenswert ereignisreichen Ausbruch im Jahr 1669 wurden nicht nur zahlreiche Dörfer verschüttet. Zwei Erhebungen, groß, rund, prall und direkt nebeneinander liegend mit einer gottgleichen wohlgeformten Kegelform. Der Volksmund bezeichnet sie als „Tette di Sophia Loren“ – die Brüste Sophia Lorens.

Unsere letzte Abfahrt am Ätna führt direkt an den beiden Naturwundern vorbei. Leider umhüllen erneut Wolken dieses weiblich anmutende Spektakel. Wieder bleibt einem ein Wunderwerk der Natur verborgen. Die Wolken versperren uns leider den Blick auf die Weite des Mittelmeers, unsere Schwünge dagegen gleiten sanft auf dem schwarten, aber perfekten Firn dahin.

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