Die Sieger der Freeride World Tour (FWT) werden als “Freeride Weltmeister*In” vermarktet. Ein Titel, der griffig klingt und in den Köpfen der Zuseher bleibt. Doch Kritik dazu gibt es immer wieder, gibt es diesen Titel zurecht oder trifft der Titel nicht den sportlichen Kern? Ist die Vergabe fair? Kürt die derzeitig einzige, weltweite sportliche Vergleichsmöglichkeit für die wohl besten Freerider der Welt wirklich den*die Weltmeister*In? Diese Fragen sollen in diesem Artikel anhand allgemeiner sportwissenschaftlicher Kriterien im historischem Kontext untersucht werden. Die gefundenen Hinweise sollen Anregung  zu einer Diskussion liefern indem mögliches Verbesserungspotential aufgezeigt wird.

Ein Weltmeister-Titel, oder ein Staatsmeisterschaftstitel ist der allgemeinen Auffassung nach „der/die Beste in seiner Sportart“ weltweit bzw. national. “Weltmeister” ist allerdings kein geschützter Begriff, “Freeride Weltmeister” ebenso wenig. Jeder kann sich prinzipiell Weltmeister nennen. Wenn der Skiclub Hintertupfingen die Weltmeisterschaft ausruft, kann auch hier prinzipiell ein “Freeride Weltmeister” gekürt werden, denn es gibt schlicht keinen solchen von einer supranationalen oder nationalen Organisation beanspruchten und von anderen Organisationen anerkannten Titel.  Allerdings gibt es einige Regeln, die beachten werden müssen, damit ein Weltmeistertitel fachlich anerkannt wird. Natürlich schert sich darum nicht jeder, insbesondere nicht Institutionen, die auf Gewinnmaximierung ausgelegt sind. Daher versuchen wir nun zu eruieren ob die aktuellen Titel “Freeride Weltmeister”, ausgegeben von der Freeride World Tour und den darüber berichtenden Medien ehrenhaft ist, oder ob sich doch eher um marketinggetriebenes Gehabe handelt.

Vorausetzungen zur Anerkennung eines Weltmeister-Titels

Folgende Voraussetzungen gelten für alle sportlichen Wettkämpfe weltweit, wollen sie international fachlich anerkannt werden und insbesondere, wenn sie dabei einen nationalen Titel oder den begehrten „Weltmeister“ bzw. „Weltmeisterin“ („World Champion“) küren:

  1. Die besten Sportler in der jeweiligen Disziplin müssen teilnehmen. Die Disziplin muss den Kern der Sportart treffen, und sollte weltweit in den betreffenden Regionen einigermaßen verbreitet sein.
  2. Der Zugang zum Wettkampfsystem muss für alle interessierten Personen frei und gleich sein bzw. mit den gleichen Kriterien stattfinden. Dies beinhaltet eine formale Struktur, die niemanden ausschließt und niemanden ungerechtfertigt bevorzugt (Ausnahme: Sportliche Entwicklungshilfe).
  3. Ein klares und einheitliches Reglement muss vorhanden sein. Die Leistungsbewertungen müssen möglichst objektiv messbar und für jedermann nachvollziehbar sein.
  4. Andere Organisationen müssen die Organisation bzw. den Titel anerkennen. Genau wie bei staatlichen Strukturen – ein staatliches Gebilde gilt erst als anerkannter Staat, wenn eine große Mehrheit anderer bereits zuvor bestehender Strukturen diese neuere Struktur anerkennt. Ähnliches gilt auch für Sportorganisationen.
  5. Der vergebene Titel muss in der allgemein bzw. dem interessierten Teil der Bevölkerung anerkannt sein.
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Hat das Kartenspiel Munchkin eine mögliche Antwort zum Thema Freeride-Weltmeister Titel?

Die Sportler

Zu 1) Es fahren sehr viele, sehr gute Freerider bei der FWT mit. Aber sind wirklich die Besten dabei? Fraglich. Es nehmen viele sehr gute Fahrer teil, ob es die Besten sind, darf bezweifelt werden. Einige Sportler verfolgen ihren Sport lieber durch andere Möglichkeiten, wie z.B. professionelle Actionsportfilme, andere wiederum sind gar nicht teil dieser vermarktetet Szene und wollen fern davon ihren Sport ausüben. Wiederum andere haben sich schon von der FWT aus diversen Gründen verabschiedet.

Trifft die Veranstaltung den Kern der Sportart? Dieser Punkt ist sehr diskussionswürdig. Freeriden ist, wie das Wort beinhaltet, frei. Reglements sind allerdings für eine Bewertung und den Vergleich ziemlich wichtig. Die Frage ob Bergabfahren alleiniger Bestandteil des Freeridens ist, das sehen wohl zumindest manche Sportler und Zuschauer anders. Zumal, wenn die Sicherheit auf Bergführer übertragen wird und der Aufstieg mal mit Helikopter, mal am Seil stattfindet darf hier der Kontext der Freiheit hinterfragt werden. Auch die Qualität der Fahrer ist per se schwankend und es sind sicherlich viele Top-Athleten nicht in der FWT vertreten.

Der Zugang zum sportlichen Wettkampf

Zu 2) Der Zugang zur FWT ist klar geregelt. Mit einer Ausnahme: Die sogenannten „Wildcards“. Hier können Personen vom Veranstalter eingeladen werden. Aktuell werden 16% der verfügbaren Plätze durch freie Vergabe gestellt, 2018 sollen es mindestens “11% + X” sein. Dies ist per se ein Eingriff in die Fairness, aber dann nachvollziehbar, wenn Verletzungen oder andere Faktoren, wie die praktische Erfahrung ein wichtiger Bestandteil dieser Sportart sind, wäre aber in anderen Sportarten mindestens undenkbar. Die deutsche Fussball-Bundesliga gibt ja auch keinem Hinterwäldlerverein eine Berechtigung in ihr zu spielen, nur weil jemand Christiano Ronaldo einkauft. Problematisch wird es bei den Kriterien der Wildcard Vergabe: Die FWT nominiert hier FahrerInnen auch nach Sponsorings und Nationalität und letztlich ist die Entscheidung subjektiv von der Unternehmensspitze abhängig. Hierbei werden keine hilfsbedürftigen unterstützt, sondern ganz gezielt Einflussnahme betrieben, um in gewünschten Zielmärkten eine hohe Medienpräsenz zu erhalten und Werbepartner einzubeziehen. Dies ist ein Verstoß gegen allgemein anerkannte sportliche Wettbewerbsregelungen.

Die Wettkampfregeln

Zu 3) Die Wettkampfregeln sind für alle gleich und einsehbar. Es bestehen allerdings Fragen, ob das aktuelle Format mit einem Run an einem Tag, ohne wirklich selbstbestimmte, umfassende Entscheidungen am Berg den Kern des Freeridesports treffen.

Außerdem sind die Kriterien der Bewertung durch die Jury nicht offen nachvollziehbar, sondern werden nur als teiloffenes Ergebnis gezeigt. Die meisten anderen sportlich anerkannten Wettbewerbe verfahren hier deutlich transparenter. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Verflechtung zwischen Sponsoring und Juryinteressen. Wenn gewisse Fahrer von Ausrichterstätten oder anderen Werbepartnern als Werbemittel genutzt werden, kann es zu unrühmlicher Einflussnahme kommen. Auch bekannt als “Spezlwirtschaft” oder weniger nett, aber wohl treffender ausgedrückt: “Korruption”. Dies wird immer dann ein Problem, wenn andere ungerechtfertigt benachteiligt werden und es keine unabhängige Kontrolle mit Exekutivfunktion gibt. Dieses Korrektiv fehlt bei der FWT, in der Praxis ist dieser Kritikpunkt bei insbesondere nationalen Events übermittelt (z.B. mehrere Fahrer und Zuschauer berichteten dies aus Obergurgl 2014, Hochfügen 2014).

Die Anerkennung von außen

Zu 4 und 5) Bislang wird die FWT noch von keiner außenstehenden Organisation anerkannt, erarbeitet sich dies aber Stück für Stück in der Bevölkerung und gilt gemeinhin als „der“ Freeridecontest bzw. Serie weltweit. Vermutlich wird sich hier wohl bald die FIS (der weltweit größte und monopolartig auftretende Wintersport Fachverband) einschalten. Wer kann sich vorstellen, dass Herr Schröcksnadel (Präsident des Österreichischen Skiverbands) den „offiziellen österreichischen Freeridemeister“ krönt? Wollen wir das?

Fazit

Wie so oft ist hier keine einfache Antwort möglich. Die FWT ist seit einigen Jahren  die weltweit beachteste Wettkampfserie für Freerider, zweifelsfrei. Aber krönt sie ihre „Weltmeister“ zu Recht? Lässt man die ganz generelle Diskussion, was den Freeride-Sport überhaupt ausmacht und ob es hier generell einen messbaren Wettkampf geben sollte, einmal außen vor, muss man nach obigen Kriterien aktuell einige strukturelle Probleme innerhalb der Organisation feststellen, die genau das verhindern.

Erstens das Einladen von Wildcard-FahrerInnen nach Faktoren der Werbepartnerinteressen und Medienpräsenz des Fahrers ist ein sportliches No-Go.

Zweitens die offene Möglichkeit der Ungleichbehandlung und der mangelhaften Kontrollinstanz insbesondere auf nationaler Ebene.

Drittens bleibt die Frage offen, ob das aktuelle Wettkampfformat den relevanten Teil des Sports “Freeriden” abdeckt.

Sobald diese beiden Faktoren strukturell nach allgemeingültigen Regelungen angepasst werden, kann die FWT ihre “Weltmeister”fahnen in den Wind halten. Ändern sich diese Punkte nicht, kann prinzipiell (weiterhin) jeder mit einem öffentlichen Aufruf zu seiner persönliche Freeride-Weltmeisterschaft auffordern. Bis dahin bleibt der Weltmeister-Titel aus sporthistorischer und soziologischer Perspektive ein Titel ohne Wert.

1 COMMENT

  1. Hier ein Beispiel einer Ehrenpreis-Vergabe aufgrund des “Freeride-Weltmeister”-Titelshttps://www.vn.at/sport/2017/04/24/weltmeisterin-lorraine-huber-ausgezeichnet.vn

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