Freeridesport und Professionalisierung

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Die Angestellten der Bergbahnen zeigen sich freeridebegeistert und genießen ihre Mittagspause mit obligatorischem Contestselfie.

Die Professionalisierung des Freeridesports ist allgegenwärtig. Wer die Anfänge in den 90er und 00er Jahren miterlebt hat, weiss von allerlei Seltsamem zu berichten. Powder+ hat sich den “FWQ 2*” Event in Kappl/Paznaun angeschaut und fühlte sich an längst vergangene Zeiten erinnert. Wie zeigt sich die Professionalisierung des Sports? War früher sprichwörtlich wirklich alles besser?

Bei der abendlichen Besprechung der Veranstaltung am Vorabend sitze ich in einem angenehmen 4**** Hotel, bin extremst auf das Rehschlögl in Weinsauce vor mir konzentriert und befinde mich mitten in einer zwanzger Gruppe relativ junger, sportlicher Menschen, die so auch alle in einem Bergsportkatalog abgebildet sein könnten. Zwei Kameraleute, drei Fotografen, 8 Skidudes, diverses Sicherheitspersonal, einige Hauptorganisatoren, dazu ein-zwei Handvoll “Mädchen für alles”.

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Das Rehschlögl hatte Vorrang.

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Wer nimmt die 24 Funkgeräte mit? Ersatzbatterien? Wer kümmert sich um die Bestuhlung? Sind die Skidudes alle mit dem Rettungskonzept und Koordinatensystem am Contesthang vertraut? Das geschäftliche Treiben ist hier im Paznauntal nicht wesentlich anders als bei jedem anderen professionell organisierten Event. Zielstrebig und organisiert gilt es das Team einzustimmen und für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Die Dinge, die zu tun sind, werden spezifisch verteilt, Pläne abgehakt, Excellisten kontrolliert. Die Professionalisierung des Sports ist unübersehbar.

Freerideevents vor der Revolution

Als der Autor an seinem persönlich letzten Freeride-Wettkampf 2005 (also gefühlt vor dem letzten Weltkrieg) aktiv teilnahm, sah die Welt noch etwas anders aus. Funkgeräte gab es exakt zwei, eines am Start und eines im Zielraum. Kein Starttor, keine Ziellinie, keine Zuschauerarea mit Dauerbeschallung, kein Highlightclip auf Facebook. Die Wettkampfsponsoren sorgte für eine handvoll Kisten Bier für alle Beteiligten. Eine Rangreihung und Qualifikation für andere Events war nur rudimentär. Entweder man kannte wen, der wen kannte, oder man machte sich eben einen Namen und durfte dann bei den bekannteren Events in der französischsprachigen Schweiz oder Frankreich mitfahren. Der Bec des Rosses in Verbier war damals noch No-Go Area für Skifahrer, die Snowboarder hatten die Deutungshoheit über den Sport inne.

Statt in ein Smartphone ein zielgruppenpassendes Selfie zu machen, das auf Instagram möglichst gut performt, ging man als Fahrer lieber noch eine Runde skifahren, alternativ Bier trinken oder rief Mama an und sagte ihr, dass man noch lebt – das überlegte man sich anhang der exorbitanten Auslandsgebühren allerdings zweimal. Wlan im Lift, in den Restaurants oder im Hotel war damals noch Wunschvorstellung. Übernachtet haben damals alle Teilnehmer und Organisatoren gemeinsam in einer Turnhalle auf Turnmatten und mit Outdoortoilette. Die Pro Ho’s konnte man damals nicht mit seinen Instagram Followern beeindrucken, das musste man schon mit zielgenauem “Nageln”-Können unter Beweis stellen.

Neun Events veranstaltet die Serviceagentur “Open Faces” diesen Winter und stellt damit einen Hauptteil der weltweiten Qualifikationsbewerbe für die Freeride World Tour. Der Event in Kappl verläuft plangemäß. Um die 100 Fahrer werden nach straffer Taktung den Hang hinuntergeschickt. Der Schnee ist wettkampftypisch als durchwachsen zu bezeichnen. Der Südosthang ist immerhin sonnig, der Schnee halbwegs weich und immerhin so ausreichend, dass man halbwegs ohne Steinkontakt heil unten ankommt. Offiziell herrscht Lawinenwarnstufe drei auf der fünfstelligen Skala. Beim Sicherheitscheck am Vortag ergibt sich ein recht überschaubares Gefahrenpotentiel. Viel Schnee hat es nicht, aber immerhin ausreichend. Einige kleinere Schneeverwehungen konnten erfolgreich gesprengt werden, die steilere Nordseite (nicht Teil des Wettkampfgebietes) rutscht dafür in eher beängstigender Größe hinunter. Die Anzahl der adrenalingetankten Selbstüberschätzer dürfte sich, erstaunlicherweise, kaum verändert haben.

Ähnlich desinteressiert ist damals wie heute das generelle Skipublikum. Weder 2005 noch 2017 verirren sich mehr als eine handvoll Zuschauer länger als einen Augenblick in die Zuschauerbereiche. In Kappl ist das allerdings auch garnicht nötig. Der geneigte Adrenalinkonsument kann das Wettkampfgeschehen bequem bei der obligatorischen Bergfahrt im Haubensessellift verfolgen.

“Freerideevent in Kappl? Ah ja, schon gehört, ich war lieber auf Skitour.”

Freeridesport und Professionalisierung

Der Wettkampfaspekt war schon immer auch teil, wenn auch nicht Hauptbestandteil,  der Sportart “Freeride”. Freeride ist heute zum trendigen Massensport gereift. Veranstalter, Sponsoren und Profiteure überlassen nichts mehr dem Zufall. Ob man die Professionalisierung nun eher positiv oder negativ bewertet, bleibt jedem selbst überlassen. Eine nicht kleine Zahl an Freeridern, selbst wenn sie sich so nie bezeichnen würden, kann dem Wettkampfteil und Leistungsvergleich ohnehin wenig abgewinnen. Für sie gehören Wettkämpfe eher nicht zu ihrer Sportart. Der Genuß der sportlichen Betätigung steht bei ihnen im Fokus.

Visuelle Eindrücke aus dem 2* Freerideevent in Kappl

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Schon bequem hier.
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Die Angestellten der Bergbahnen zeigen sich freeridebegeistert und genießen ihre Mittagspause mit obligatorischem Contestselfie.
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Alles auf Kamera?
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Männerspielzeuge.
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Der Arbeitsplatz der Wettkampfrichter
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Andere Schneesportler interessieren sich weniger für leistungsorientierte Freeridewettkämpfe
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Amtliches Schneebrett auf der Rückseite des Wettkampfhangs am Vortag vom Sicherheitspersonal ausgelöst.

* Offenlegung
Powder+ hat den Event Open Faces Kappl auf Einladung des Tourismusverbandes Ischgl-Paznaun und der Presseagentur Hansmann PR besucht. Der Inhalt dieses Textes ist davon unbeeinflusst.

Informationen zur Eventserie vom Veranstalter

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