Was tun, wenn trotz kalter Temperaturen der Schnee auch im Februar immernoch nicht so richtig vom Himmel kommen will? Unsere Antwort: ab in die grasigen Berge der Kitzbühler Alpen. Die Kitzbühler Alpen Skirunde ist unser Plan. Nachdem wir in den letzten Wochen schon einige richtig gute Skitage in der Bergwelt zwischen Zillertal und der Gamsstadt verbracht hatten, sollte es diesmal in einem Tag von Westendorf über das Kitzbühler Skigebiet und die Wildkogelarena zurück nach Westendorf gehen Oder anders ausgedrückt: einmal rund herum um den Großen Rettenstein.

Pünktlich um 8:40h biege ich in den Parkplatz des Wörgler Bahnhofs ein. Marius, mit dem ich in den letzten Wochen schon so manch eine Tour unternommen habe, wartet bereits auf mich. Auf der Fahrt Richtung Brixental diskutieren wir noch einmal die sinnvollen Optionen des Tages. Schnell sind wir uns einig: der wahnsinnige Powder-Tag dürfte es nicht werden, also lieber eine interessante Tagestour. In einem Tag die drei Skigebiete von Westendorf, Kitzbühel und Neukirchen am Großvenediger zu befahren, ist mir schon längere Zeit im Kopf herum geschwirrt. Und heute scheint der perfekte Tag zu sein, es endlich in die Tat umzusetzen.

Um kurz nach neun sitzen wir in der Westendorfer Alpenrosenbahn. Mit großer Freude zeige ich Marius, was man hier in meinem geliebten Homespot außerhalb der Pisten so alles anstellen kann. Als Wahlinnsbrucker ist er sichtlich überrascht, wie es sein kann, dass selbst drei Tage nach dem letzten Schneefall die interessantesten Hänge kaum ausgefahren sind. Das Wetter weiß in der Früh offenbar noch nicht so ganz, was es uns für diesen Tag bringen möchte. Dicke Wolkenschichten schieben sich immer wieder vor die Sonne. Erst als wir am Fleidinggipfel stehen, beginnen die Wolken sich langsam aufzulösen.

Von Oben auf die Wolken blicken, umgeben von Gipfeln, die wie Eisberge aus der Wolkenschicht herausragen. Dies ist schlichtweg ein Gefühl der Freiheit, wie es schöner kaum sein könnte. In Nullkommanix zückt Marius die Kamera und hält meine ersten Turns auf Bildern fest, ehe ich im Dickicht der tief hängenden Wolkendecke verschwinde.

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Brechhorn und Gamskogel lassen wir heute links und rechts liegen und fahren auf der Ki-West-Piste ins Aschauer Tal. Dank des permanenten Pendelbusses zwischen Ki-West und Skirast erreichen wir in wenigen Minuten das Kitzbühler Skigebiet und nehmen Gondel und Sessellift hinauf zum Pengelstein. Inzwischen hat sich die Sonne gegen die Wolken durchsetzen können. Wie häufig der Fall, entdecken wir auch heute nur wenige Meter von den Pisten entfernt eine wunderschöne unbefahrene Line. Auch wenn die Zeit drängt, diese zehn Minuten müssen sein, um die Line zu fahren und die Bilder für die Ewigkeit in den Kasten zu bringen.

Mit zweimal abstoßen fahre ich in den steilen Trichter hinein. Schon beim ersten Turn merke ich, dass in dieser Nordostexposition eine herrlich  Dreißigzentimeterschicht fluffigster Powder liegt. Schwung für Schwung fliegt das feine Weiß an meinem Kopf vorbei. Wow, damit hätte ich heute nicht gerechnet.

Tagesplanung: Die potenziellen Varianten werden immer wieder sorgfältig abgewogen

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Kurz überlegen wir, ob wir uns die Zeit nehmen sollten, um auf den Schwarzkogel zu hiken, doch die Zeit drängt. Lieber fahren wir einmal durch den Saukasergraben hinaus, nehmen das Taxi nach Jochberg und steuern auf direktem Wege den Achtersessel zum Zweitausender an. Bis hierher kannte ich die Strecke aus dem Effeff. Ein letztes Mal blicken wir auf das weitläufige Skiareal der Tiroler Promistadt, dann nehmen wir Schwung, um möglichst um die Mulde zwischen Zweitausender und Rossgruber möglichst hoch verlassen zu können. Aus vielen Befahrungen weiß ich, dass es zeitlich kaum einen Unterschied macht, ob man die Felle aufzieht oder 20 Minuten per Boothike aufsteigt. Wir entscheiden uns für Letzteres, schultern unsere Ski und stapfen los. Als wir die Kante erreichen, von der aus man entlang der Salzburger-Tiroler Landesgrenze zum Stangenjoch abfahren kann, ist es bereits 14h. Vielleicht hätten wir uns doch nicht so viel Zeit für Fotos lassen sollen. Kurz durchdenken wir die vier Möglichkeiten: a. die gemütliche Variante per Direktabfahrt nach Aschau und mit dem Skibus zurück zur Ki-West-Gondel; b. Felle aufziehen und möglichst nahe an den Felsen des mächtigen Rettensteingipfelaufbaus Richtung Windautal queren; c. hinunter ins Mühlbachtal und Aufstieg zum Frühmesserlift in der Wildkogelarena  oder d. vom Mühlbachtal direkt Richtung Herrensteigscharte aufsteigen. Da der Tag lang ist und ohnehin vorsichtshalber Stirnlampen im Rucksack haben, entscheiden wir uns für das Mühlbachtal. Ob wir am Ende Variante c. oder d. wählen, können wir uns später noch überlegen.

An einem Tag rund um den Großen Rettenstein

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Auf den sonnigen Südhängen des Pinzgaus wirken die Schneebedingungen schon wie sonst im März. In feinstem Firn ziehen wir unsere Turns gen Tal. Je weiter wir vom Trubel des Skigebietes entfernen, desto ruhiger wird es um uns herum. Still und wunderschön liegt es da, das Mühlbachtal, abgeschieden als wären wir weit weg von jeglichen Einrichtungen menschlicher Zivilisation. Einige Meter vor den im Winter unbewohnten Häusern der Vorstadl Grundalm ziehen wir die Felle auf. Um den letzten Lift noch zu erreich müssten wir uns ganz schön beeilen. Ohne große Pause marschieren wir los. Rennen wäre vielleicht das angebrachtere Wort. Die ersten vierhundert Höhenmeter bringen wir in rund fünfundvierzig Minuten hinter uns. Kurz halten wir inne, um final zwischen Variante c. und d. abzuwägen. Macht es wirklich Sinn, zum Lift hinüber zu marschieren, auf die Gefahr, dass dieser bereits geschlossen hat? Wir entscheiden uns dagegen. Die Gipfel von Frühmesser und Grasleitkopf scheinen zum Greifen nahe. Diese Entscheidung gibt uns die Freiheit, endlich unsere Semmeln zu verzehren. Etwas Energie schadet nicht für die letzten 600 Meter bergwärts.

Über die Wiesen der Hafen Hochalm nähern wir uns der 2028 Meter hoch gelegenen Herrensteigscharte. Im stärker werdenden Wind kämpfen wir uns auf den Grat hinauf und können nun den weiteren Verlauf unserer Route einsehen. Früher des Tages wären wir sicherlich zum Grasleitkopf aufgestiegen. Nun ist es aber unser Ziel, möglichst noch in den letzten Sonnenstrahlen des Tages den Gipfel der Geige erreichen. In entgegengesetzter Richtung sehen wir zwei andere Tourengeher, die offenbar Richtung Labalm abfahren wollen. Überrascht, um diese Uhrzeit noch andere menschliche Lebewesen hier oben zu Gesicht zu bekommen, queren wir durch die Nordostflanke des Grasleitkopfs in die Geigenscharte. Die untergehende Sonne hüllt die Felsbastion des Großen Rettensteins in einen zauberhaften Schleier. Kein Geräusch weit und breit. Nur die Berge der Kitzbühler Alpen in ihrer vollen Pracht.

Die Kitzbühler Alpen Skirunde im Abendlicht

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Begeistert von dieser wundersamen Atmosphäre blicken wir zum Gipfelkreuz des Gamsbeiles empor. Keine fünfzehn Aufstiegsminuten trennen uns von diesem formschönen Gipfel, der noch immer die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf sich vereint. Sicher wäre es schön, das Gamsbeil noch zu erklimmen, doch angesichts des aufziehenden Sturms und der fortgeschrittenen Tageszeit lassen wir die Vernunft siegen. Bei einer letzten Tasse heißem Tee verstauen wir die Felle in den Rucksäcken, studieren noch einmal die Tourenkarte und machen uns zur Abfahrt bereit. 1200 Höhenmeter Abfahrt liegen uns zu Füßen hinab bis zum Gasthaus Steinberg im Windautal. Schon bei den ersten Schwüngen merke ich, dass auch hier noch richtiger Pulverschnee liegt. Mein Freuenschrei signalisiert Marius, dass er es richtig laufen lassen kann.

An der Miesenbachalm drehen wir uns nochmal um und studieren die Nordwestabbrüche von Gamsbeil und Westerachkopf. Für die eine oder andere Rinne könnte es sich lohnen, bei mehr Schnee mal wieder hierher zu kommen.

Als bei einer Bachüberquerung ein kurzer Gegenanstieg überwunden werden muss, ist es an der Zeit, die Stirnlampen einzuschalten. Gerade im Wald ist es inzwischen doch ziemlich dunkel geworden. Vorausschauend arbeiten wir uns über Lichtungen und Almwiesen weiter Richtung Tal bis wir unterhalb der Gamskogelhütte auf den Fahrweg treffen. Gut fünfzehn Minuten müssen wir diesem noch talabwärts folgen. Spätestens jetzt merken wir bei jedem Stockschub, dass wir heute einige Meter auf- und abwärts in den Knochen haben. Umso mehr freuen wir uns, als nach einem letzten Waldstück das Licht des Steinberghauses vor uns auftaucht.

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Selten war ein Radler so schnell leer getrunken wie in diesem Moment. Bei Schnitzel und Kaiserschmarrn lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Zwei Skigebiete, am Nachmittag eine Tausend-Höhenmeter-Skitour in absoluter Einsamkeit und trotz schlechten Winters viele viele first Lines im Powder. Kitzalps, wir freuen uns schon auf das nächste Abenteuer!

Skigebiete: www.kitzbuehel.com, www.skiwelt.at

www.powder-shuttle.com

Text: Martin Hesse

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