Kommentar – Zum hinterfotzigen Dreier

Selbstauslösungen in Obergurgl
Selbstauslösungen in Obergurgl am 5.1.2015, Foto LWD Tirol

Zum hinterfotzigen Dreier – Ein Kommentar von Lukas Ruetz

Seit relativ langer Zeit gibt es wieder einmal ein paar – stark vereinfachte bzw. hoffentlich verständlich formulierte – zusätzliche Gedanken neben den Toureneinträgen. Die Situation, wie wir sie derzeit haben, unterscheidet sich doch um einiges von vielen “Gefahrenstufe 3″ Situationen im Frühwinter/Hochwinter.

Meist gibt es den berüchtigten Dreier bei Neuschnee, kühlen Temperaturen und Wind. Mit diesen Voraussetzungen bilden sich Triebschneepakete die mit dem Pulverschnee darunter meist ungenügend verbunden sind und so über wenige Tage für den Skifahrer kritisch sind. Bei wärmeren Temperaturen sintern die Schneekristalle an dieser Schichtgrenze schneller als bei kalten Temperaturen (=wachsen zusammen). Das heißt: der Schnee setzt sich und beginnt sich vor allem durch den Faktor Zeit mit dem Untergrund zu verbinden. Je kälter es ist, desto länger dauert dieser Prozess.

So schön es ist, schon im Oktober mit Ski unterwegs zu sein, so schlecht wirken sich frühe Schneefälle häufig auf die Lawinensituation aus: Gefolgt von Schönwetterperioden und warmen Temperaturen bleibt der Schnee zwar in höheren, vor allem schattigen, Lagen liegen und bildet einen Harschdeckel. Unter diesem Deckel kommt es vermehrt zur aufbauenden Umwandlung (das Produkt daraus: die “zuckerartigen Kristalle”, im Volksmund auch bekannt als “Grieß”, genauer: kantige Formen oder Becherkristalle) und diese sind häufig ungenügend verbunden mit den umgebenden Schichten. Das war beispielsweise im letzten Winter der Fall. Von Temperaturgradienten und Wasserdampftransport in der Schneedecke sollte man in diesem Zuge zwar sprechen, aber das würde die Geschichte unnötig in die Länge ziehen.

[quote_left]Der Dreier ist leider ein sehr hinterfotziges Konstrukt.[/quote_left]

Heuer ist das Problem aber etwas anders und leider momentan gravierend: Die Schmelzkrusten die von diesen “Zuckerkristallen” umgeben sind, findet man in allen Expositionen – vor allem verursacht durch vermehrten Regen und mehrere Warmlufteinbrüche während des ganzen, bisherigen Winters.

Doch den größten, negativen Einfluss hatte heuer die Warmfront die am 18.12. Regen bis auf 2600m gebracht hat. Sehr schnell hat sich unterhalb dieser Regenkruste eine dünne, kantige Schicht gebildet, mit der wir momentan zu kämpfen haben. Nun liegt Neuschnee von der Weihnachtszeit darüber. Dieser wurde mit dem kräftigen Wind, der noch dazu abwechselnd aus verschiedenen Richtungen geblasen hat, zu Triebschnee umgewandelt und macht die Masse der meisten Lawinen der letzten Tage aus. Das reine Triebschneeproblem wäre vielleicht in gewissen Expositionen und Höhenlagen schon vorbei, weil er sich bereits genügend mit dem Untergrund verbunden hätte. Nur haben wir diese Schicht darunter, in der der Bruch erfolgt – alles was darüber liegt, rutscht aber mit ins Tal, auch wenn es an und für sich schon gut genug verfestigt wäre.

Lawinenlagebericht Tirol 6.1.2015
Der Lawinenlagebericht für Tirol am 6.1.2015 mit ungewöhnlich harter Gefahrenabstufung. EIn Zeichen für die mitunter sehr prekäre aktuelle Lage.

Immer öfter wurde der Ruf nach einer Gefahrenstufe 4 in den letzten Tagen lauter. Nur muss man diesen Forderungen leider eine klare Absage erteilen, da es genaue, vereinheitlichte Definitionen der Gefahrenstufen gibt. Und für einen Vierer ist es momentan einfach “zu wenig”. Bei mehr Neuschnee würde er schnell Einzug finden.

Doch der momentane Dreier ist – rechnet man die “durchschnittliche” Tourenplanung und Risikobereitschaft mit ein – für die meisten Wintersportler sicher wesentlich gefährlicher als ein Vierer. Gefahrenstellen finden sich in fast allen steileren Hängen in einem sehr breiten Höhenband – nicht wie bei den meisten Dreiern oft nur in Kammnähe in einzelnen Expositionen oder in engeren Höhenbändern.

Relativ gut fährt man – will oder kann man sich nicht genau mit der Materie befassen – nach wie vor mit den Risikoreduktionsmethoden wie Snowcard, w3, Stop or Go, Reduktionsmethode und wie sie alle heißen. Doch ebenso wichtig ist das Verstehen des Lageberichtes und vor allem auch die dortigen Warnungen fast schon als geschriebenes Gesetz zu betrachten und in die Methoden einbauen zu können! Die Gefahrenstufe allein als Planungsgrundlage zu verwenden ist zu vieeeeeel wenig!

Der Dreier ist leider ein sehr hinterfotziges Konstrukt. Würde man die Definition der Gefahrenstufen ändern, müsste man das gesamte System über den Haufen werfen und alles neu aufbauen. An der dazu angepassten Tourenplanung müssen also insgesamt noch Fortschritte gemacht werden.

Die Lawinengefahr steigt mit den Gefahrenstufen exponentiell an – nicht linear oder in gleichmäßigen Schritten. Die Grafik ist vom SLF Davos. Die Unterschiede in der Lawinengefahr bei gleicher Gefahrenstufe werden hier näher behandelt.

Eines sollte man nie vergessen: Das Frühjahr mit stabile(re)n Lawinensituationen kommt bestimmt.

 

Text/Kommentar: Lukas Ruetz, www.lukasruetz.at, Lukas Ruetz auf Facebook.

Vielen Dank.

 

Aktuelle Unfälle

Selbstauslösungen in Obergurgl
Selbstauslösungen in Obergurgl, Foto LWD Tirol

[quote_box_center]“Auf der Nordseite des Gaislachkogels löste eine Gruppe von 6 Variantenfahrern ein Schneebrett im extrem steilen NW-exponierten Gelände aus. 4 Personen können aus der Lawinenbahn ausfahren, 2 werden total verschüttet. Verschüttungstiefen um 3 Meter. Beide versterben am Unfallort. Während des Einsatzes fahren leider immer noch einige Variantenfahrer im Nahbereich steile Rinnen…” Quelle: LWD Tirol.[/quote_box_center]

Lawine Gaislachkogel 5.1.2015
Lawine Gaislachkogel am 5.1.2015 mit 2 Toten.

Eigene Beobachtungen –Obergurgl 5.1.2014

Vorangehend zu diesem Ereignis war auch Powder+ in dieser Region unterwegs. Eine Dreiergruppe kletterte durch felsdurchsetztes Steilgelände unweit der Liftstationen. Unsere Gruppe versuchte noch durch sarkastische Beifalls- und Jubelbekundungen die Gruppe auf ihre extreme Lage aufmerksam zu machen, leider ohne Erfolg. Immerhin ist niemand gestorben.

[quote_box_center]”Lawinenhundeführer Norbert Brunner war gerade auf Einsatz im Königstal, wo 3 Variantenfahrer in einer extrem steilen Rinne eine Lawine ausgelöst hatten. 1 Person total verschüttet. Durch gute Kameradenhilfe aus 1m Tiefe rasch geborgen, vermutlich nur leicht verletzt” Quelle: LWD Tirol[/quote_box_center]

Die Dreiergruppe bewegte sich in felsdurchsetztem Steilgelände min mind 40°, eher 45° Steilheit. Frische, offensichtliche Triebschneepakete wurden gekonnt ignoriert und zudem die noch steilere Nordabfahrt gewählt. Eine 45° steile Nordabfahrt mit Absturzgefahr, nicht ständig befahren derzeit, LWS 3 mit sichtbaren “Red Flags” – offensichtlichen Warnzeichen. Die eingewehten Bereiche konnten aus der Gondel gut besichtigt werden.

Der LLB warnte genau vor solchen Hängen. Ein Wunder, dass die drei überlebt haben. Die drei scheinen große Verfechter der darwinistischen Theorie der natürlichen Auslese zu sein. Wir haben schon keine Wetten mehr abgeschlossen, ob ihr etwas auslöst. Die Frage war nur, ob ihr das alle überlebt.
Für manche Entscheidungen muss man einfach kein Verständnis haben. Ihr könnt euch gerne melden, wir erklären euch auch gerne, warum wir euch so sarkastisch aus dem sicheren Nahbereich des Skigebiets angefeuert haben.

Das Powder+ Team begab sich ebenso auf die Suche nach gutem, frischem Neuschnee. Eine einzige Abfahrt in einem großen Gebiet fanden wir, die unserer Meinung nach an diesem Tag risikoarm war. Eine ständig befahrene Variante, von deren Befahrung wir diese Saison Kenntnis hatten. Neuschneearm, flaches und kupiertes Gelände mit sehr vielen Safe Spots. Die kritischen Bereiche waren allesamt von gefährlicherem Schnee vom Winde befreit. Gutes Training der koordinativen Fähigkeiten und der Antizipation der Schneebeschaffenheit. Wir üben noch.

Powder Report Obergurgl
Selektive Schneebedingungen in Obergurgl am 5.1.2015, Benni P..
Powder Report Obergurgl
Selektive Schneebedingungen in Obergurgl am 5.1.2015, Konstantin S., Thomas V.

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