Was wir tun ist verboten. Eine Woche Haft sieht das Gesetz dafür vor, was viele Bewohner und Besucher in und um Innsbruck machen. Wir vergewaltigen keine Kinder, wir verkaufen keine Drogen. Wir suchen Erholung, gesellige Gemeinschaftlichkeit und sportliche Betätigung. Wir fahren mit Fahrrädern in Wäldern und in und auf den Bergen rund um unsere Stadt, die Sportstadt und Alpenmetropole Innsbruck.

Die Büchse der Pandora stammt aus der griechischen Mythologie. Zeus schenkte den Bürgern seine Büchse mit dem Hinweis sie nicht zu öffnen. Das sonst über die Welt erbrachte Unheil sei nicht rückgängig zu machen.

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Das Bikerparadies Innsbruck

Ich gehe, wie so viele Innsbrucker und Gäste, einfach gerne in die Berge. Bergauf genieße ich die sportliche Anstrengung. Oben blickt man auf das Erreichte zurück und lässt seinen Gedanken freilauf, der Horizont und die Ruhe ermöglichen es. Ein wahrliches Paradies vor der Haustüre. Das Problem ist, sobald ich mich auf mein Fahrrad schwinge, gehe ich gegen aktuelle Gesetze vor. Biken ist außer auf speziell geöffneten Wegen und Straßen verboten. 730.- Euro Strafe oder eine Woche Haft sieht das Gesetz derzeit dafür vor. Dabei verkaufe ich keine Drogen, verpeste nicht die Umwelt und tue nichts, was der Gesellschaft oder dem Einzelnen schadet. Ich suche doch nur aktive Erholung in der Natur.

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Der Autor hat sein Paradies gefunden. Erzählen davon darf er nicht.

Egal, welchen Innsbrucker Hausberg wir nehmen, Nordkette, oder die Bergkette von Glungezer, über die Nockspitze bis zur Axamer Lizum. Wir sind mit einer Wegevielfalt gesegnet, die Biker aus aller Welt ins Schwärmen kommen lässt. Zahlreiche Forststraßen und Wanderwege durchziehen die Wälder, Wiesen und Berge. Greg Minaar, Südafrikaner und Downhill-Weltmeister sprach bei seinem ersten Besuch in Innsbruck gar von der „Bike-Welthauptstadt“, die Innsbruck sein könnte.

Das Gesetz will es so.

Die aktuelle Lage hingegen verursacht bei außenstehenden regelmäßig Kopfschütteln. Auf Forst und Wirtschaftswegen verkehren regelmäßig Anlieger, Förster, Jäger etc.. Hunde, Kinderwagen sieht man selbstverständlich, das Befahren dieser Straßen mit einem Fahrrad hingegen ist gesetzlich verboten. Biker werden wie Aussätzige behandelt, die die Natur zerstören und andere Gruppen bedrohen. Dabei dienen sie gerne zur Bewerbung des Sommertourismus. Große Werbemittel (gar ein 20*5m großes Plakat am Tivoli 2014) bewerben Mountainbiken auf Singletrails (Biker-Sprech für „schmale Wanderwege“), sind aber fast immer echte Mogelpackungen. Das Gesetz will es schließlich so.

 

Das derzeitige Tiroler Wegemodell sieht vor, dass gegen einen teuren Versicherungsbetrag die Strecken – Einverständnis des Grundeigentümers vorausgesetzt – theoretisch freigekauft werden können, damit sie mit Fahrrädern befahren werden dürfen. Eine Insellösung, die im Tourismusmarketing nur zu gerne ausgeschlachtet wird, für die echten Biker jedoch nur ein Luftschloss darstellen. Der Bike-Trail Tirol und die Singletrails (= schmale Wanderwege) sind nur homöopathisch mit solchen in Wahrheit gesegnet. Geworben wird damit dennoch herzlich gerne. Die Bilder zeigen schließlich eine intakte Umwelt und glückliche sportliche Naturliebhaber. Dabei könnte man wohl jeden Fotografen und Fahrer für ihre Leistung statt zu bezahlen verklagen.

Sicher, wir haben in Innsbruck den Nordketten-Singletrail und den Bikepark Tirol in Steinach am Brenner (und vermutlich bald zwei weitere offizielle “Trails”). Die Meinung der Biker zu diesem Angebot ist einheitlich: Der Nordketten-Trail ist nur für die absoluten Könner und Adrenalinjunkies fahrbar. Er ist einfach zu schwer und zu steil, als dass hier mehr als die kleine Innsbrucker 30-Mann-Kernszene Spaß daran hätte. Viele interessierten Biker scheitern oft kläglich und der Trail entpuppt sich als echte Enttäuschung. Eine Tatsache, die täglich beobachtet werden kann und irgendwo zwischen dem betröppelten Gesicht des Gastes und dem Unikrankenhaus seinen Humor verliert. Der Bikepark in Steinach bietet zwei klassische Bikepark-Strecken. Zwei kurze Strecken locken heutzutage auch kaum Gäste an, die selbe Leistung bietet schließlich jeder kleine provinzielle Bikepark im deutschen Mittelgebirge. Die mitunter weite Anreise lohnt deswegen keineswegs.

Die Innsbrucker Büchse

Die Büchse der Innsbrucker scheint derzeit das Thema Mountainbike zu sein. Die Büchse wurde bereits geöffnet. Unglaublich viele Wege, wie für Mountainbiker erschaffen erstrahlen vor unseren Augen, greifbar nahe, blühende Traillandschaften wovon man in weiten Teilen der entwickelten Bikewelt nur träumen kann. Es gibt Wege, die von jedem namhaften Foto- und Filmteam jährlich frequentiert werden. Namen zu nennen ist verpönt, da Ärger und Haftstrafen vorprogrammiert sind.

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Karwendel-Flow. Hier muss man nicht Biken, versuchen kann man es aber.

Doch Vorsicht, die Innsbrucker Biker-Traumlandschaft zu Berühren ist verboten. Die Hoffnung, dass sich an diesem Status Quo etwas zum Guten ändert, liegt im Bereich des Möglichen. Wenige Änderungen, allen voran die Anpassung der gesetzlichen Grundlage an die Wirklichkeit der Menschen sind dazu nötig. Die Zukunft wird zeigen, ob die Innsbrucker Büchse weiterhin nur die Qual der Hoffnung auf Besserung in sich birgt, oder ob der Fluch der Pandora durch aktives Eingreifen zum Positiven gewendet werden kann.

Die Rechtliche Lage in Tirol und Österreich

Fahren mit jeglichem Gefährt ist im österreichischen Forstgesetz aktuell nicht vorgesehen und bis auf spezielle Fahrerlaubnisse verboten. Ds entsprechende Forstgesetz geht dabei auf hochkaiserliche Regelungen aus 1910 zurück. 1975 erreichten die Alpenvereine nach fast hundertjährigem Kampf die freie Wegenutzung für Erholungssuchende im Wald und am Berg. In Österreich wurden im Zuge dessen Fahrzeuge aller Art ausgeschlossen. Dies war auch verständlich, schließlich gab es lediglich motorisierte Gefährte, die man aus Naturschutzgründen nicht in den Wald lassen möchte. Mountainbikes, mit denen Forst und Wirtschaftsstraßen und Wege erst befahrbar wurden kamen erst später, in den bunten 80er Jahren, auf.

Müssen wir Biker nun weitere Hundert Jahre, diverse Kaiser und Könige und Genozide abwarten, bis Bergwege auch für Radfahrer freigegeben werden?

Die tatsächliche Lage

„Radfahren ist hier verboten“ hört man auch in Tirol immer wieder auf Forststraßen und Wanderwegen. Speziell an der Nordkette ist der Nutzerdruck aus rein räumlichen Gründen natürlich recht hoch und Konflikte sind Alltag. Einige Almwirte und selbsternannte Waldsheriffs scheinen aktiv etwas gegen Biker zu haben. Mal fliegen Holzprügel oder Biker werden mit Mistgabeln angegriffen, oder es werden einfach nur Stöcke auf Wege gelegt. Oft passiert dies aus Unwissen oder auch nur aus Angst vor dem Neuen und Unbekannten. Teilweise sicher auch zu Recht. Vollgas-Downhiller möchte niemand auf Wander- und Forstwegen. Soviel Wanderer steckt in den meisten Bikern.

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Gesetzesbrecher!

Der Großteil der Biker sind allerdings Naturliebhaber. Geschwindigkeit auf halbe Sicht anpassen, keinen Müll hinterlassen, Wanderern immer den Vortritt geben, die Wünsche der Grundbesitzer, Jägerschaft und Förster berücksichtigen. Die allermeisten Biker verhalten sich vorbildlicher als der Durchschnittstourist oder so manch anderer Bergnutzer, denn in fast jedem Biker steckt auch ein Wanderer. Viele Biker wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein vollgepanzerter H-Man auf einem Wanderweg auf den Fußgänger zugeschossen kommt. Gelinde gesagt, es fühlt sich nicht gut an!

Sieht man von einigen militanten Almwirten ab (Hotspot sind hier die Höttinger Alm, Bodensteiner Alm und Salfeins) geht es sehr entspannt und sozial verträglich zu. Ein Selbstversuch am begehrten Goetheweg an einem sonnigen Sonntag brachte ausschließlich positive Kontakte mit Wanderern, Hüttenwirten und Grundstückseigentümern. Der gegenseitige Gruß der Bergsportler und der kurze Plausch am Wegesrand ist auch im Innsbrucker Bikeghetto fast immer freundschaftlich, zeugt von gegenseitigem Respekt und bringt allzu oft ein fröhliches Lächeln ins Gesicht der Beteiligten.

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Seriously?

Die Begeisterung für Biker wie in den französischen Alpen – hier springen Wanderer vom Weg, beklatschen und feuern die Radfahrer an und fordern sie auf noch schneller zu fahren – ist rund um Innsbruck zwar nicht vorhanden, allgemein werden Radler doch geduldet und die positiven Kontakte überwiegen stark. Vielen Dank an dieser Stelle an die vielen netten Mitmenschen, Einheimischen, Forstarbeiter und Gäste, die man am Berg trifft und mit denen man sich austauscht.

Aktuell gibt es einige „Mountainbike Initiativen“, die das Biken in Tirol und in Innsbruck schmackhaft machen sollen. Die Bikeschaukel Tirol beispielsweise ist hier allererstes Paradebeispiel und zeigt, wie es nicht funktioniert: Biker werden mit Singletrails geködert, dabei werden zu 99% Forststraßen und Asphaltstraßen angeboten – die begehrten Wanderwege werden gegen die gesetzliche Vorschrift in der Realität dann doch mit Guides befahren! Ein Paradebeispiel für Kundennepp im 21.Jahrhundert.

Mountainbiken: Der Sport der Zukunft

Die letzten 50 Jahre gab es nur eine dominierende Sportart in den Österreichischen Alpen: Skifahren. Tausende Lifte wurden gebaut, Pisten sorgsam planiert, Speicherseen angelegt, Beschneiungssysteme installiert. Der Klimawandel macht allerdings auch nicht vor Österreich und Innsbruck halt. Die Temperaturen steigen, die Anzahl der Skitage und Nächtigungen geringer. Dazu wird der Schnee immer weniger. Geringeres allgemeines Interesse am Skifahren und dramatisch sinkenden Einnahmen im Wintersport und Tourismus sind die Folge. Unzählige wissenschaftliche und private Studien zeigen dies.

Mountainbiken hingegen vollzieht von gesellschaftlichen Trends und Strömungen und technischen Entwicklungen angetrieben seit nunmehr 30 Jahren ein ungebrochenes starkes Wachstum. Einige alpine Destinationen wie Davos, St.Moritz (Schweiz), Whistler (Kanada), Portes du Soleil (Frankreich) oder Schladming und Saalbach-Hinterglemm (Österreich) haben es schon erkannt: Dem Mountainbiken gehört die Zukunft im alpinen Massentourismus.

Die Ausgangslage dazu ist ideal: Die Infrastruktur ist vorhanden, der Mountainbiker an sich ist eine attraktive Kundschaft und wenige Anpassungen genügen um die schwindenden Umsätze des Wintersports auszugleichen und die bestehende Struktur effizienter zu nutzen. Nebeneffekte sind die Sicherung und Steigerung der Anzahl der Arbeitsplätze in der entsprechenden Region. Lifte, Restaurants, Hotels, Bikeschulen, Werkstätten erzeugen begehrte Arbeitsplätze für Einheimische und Auswärtige Arbeiter.

Der manchmal etwas rebellischen Jugend würde eine moderne Möglichkeit geschaffen, sich aktiv in der Natur aufzuhalten. Sportliche Grenzen mit legalem Hintergrund in der Natur kennenzulernen und soziales Engagement im sportlich-gemeinschaftlichen Miteinander zu lernen, ist sicherlich ein besseres Lernumfeld als die eigenen Grenzen beim nächstbesten Drogendealer auszutesten.

Zum Zweiten Teil: Ein Lösungsversuch mit Harald Philipp

 

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