Mountainbiken in Innsbruck (Teil 2): Harald Philipp ist einer der bekanntesten Biker in Innsbruck. Der Abenteurer reist mit seinem Sportgerät rund um den Globus, verbreitet seine Freude am Sport in Vorträgen, am liebsten jedoch genießt er seine Hometrails rund um Innsbruck, seinem Wohnort. Seine Multimedia-Mountainbike-Reisevorträge füllen die Kinosäle. 10.000 Besucher hatten seine Events im vergangenen Jahr, seine Bike-Heimat Innsbruck dagegen sieht er zwiegespalten. Im Kurzinterview gibt er Einblick in seine professionelle Sichtweise.

Zum ersten Teil von Mountainbiken in Innsbruck

MS: Du bist ein weitgereister Abenteuer-Biker, was ist für dich an Innsbruck so besonders?

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Vortrag Bike-Bergsteigen Harald Philipp, Foto: Sebastian Doerk, infinitetrails

Harald: Theoretisch ist Innsbruck das Bikerparadies! Für Biker zählen dieselben Argumente wie für Skifahrer, Kletterer, Wanderer und alle anderen Naturliebhaber: Eine junge, sportliche Stadt in der perfekten Lage. Ich kann mir derweil nicht vorstellen, woanders zu leben. Innsbruck ist einmalig. Die Probleme, die wir hier haben kommen von der Masse an Leuten, mit denen wir unsere Ambition teilen. Eigentlich ein Luxusproblem. Wenn wir uns aber darauf konzentrieren würden, dass wir alle doch Freude an den selben Dingen haben und gegenseitig etwas respektvoller miteinander umgingen, würde es auch im Innsbrucker Nahgebiet netter zugehen. Wer seine Ruhe will, muss einfach ein paar Kilometer weiter weg sein Abenteuer suchen.

 

MS: Harald, wie siehst du Innsbrucks Bike-Zukunft?

Harald Philipp: Ich bin ein wenig skeptisch. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in 5 Jahren einen großen Bikepark im Süden von Innsbruck haben, was natürlich einerseits eine sehr gute Sache für viele Biker wäre. Andererseits glaube ich nicht, dass wir eine großflächige Toleranz für Biker auf allen Wegen bekommen werden – eher sogar, dass ein offizielles Angebot die Situation verschärfen könnte (“Jetzt habt ihr da doch ein Ghetto, verschwindet überall anders!”). Persönlich würde ich mir eine allgemeine Toleranz auf allen Wegen wünschen, mit expliziten Verboten dort, wo es aufgrund zu starker Frequenz wirklich nicht gemeinsam funktioniert (Arzler-Alm, Hungerburg). Es gibt jedoch so viele Wege abseits dieser Hotspots, wo Biker und Wanderer hervorragend gemeinsam Wege nutzen können. Ich fände schade, wenn man uns strikt voneinander trennt. Wir haben so vieles gemeinsam mit den nicht-bikenden Naturliebhabern, warum sollen wir uns nicht auch freundlich und respektvoll die Wege teilen können?

Was Biker brauchen, was Biker fordern

Wir Biker sind ähnlich vielfältig aufgestellt wie die Skifahrer im Winter. Es gibt Geschwindigkeitsspezialisten, Genusssportler, Einsteiger, Familien und Gruppenreisende. Eine breite Anspruchsgruppe, deren Interessen vielfältig sind und die es zu verstehen gilt:

  • Downhiller/ Freerider sind die Rennfahrer unter den Bikern. Bergauf geht es ausschließlich per Lift, bergab brauchen sie abgesperrte und speziell angelegte Strecken. Schnelle und anspruchsvolle Strecken, um für Wettkämpfe zu trainieren, mittelschwierige für die jungen Wilden und einfache Pisten, die Jedermann, Einsteigern und auch insbesondere Kindern gerecht werden. Sprünge und besondere Features machen hier einen zusätzlichen Reiz aus, ähnlich zu den Freestyle-Skifahrern und Snowboardern im Winter.
  • Enduro ist die Teilart des Mountainbikes mit der größten Varietät, vergleichbar mit den Freeridern im Winter. Bergauf geht es je mal mit Lift, mal auf Straßen und mal auf Wanderwegen je nach persönlichem Geschmack, Tagesform und Möglichkeit. Bergab suchen Enduro-Fahrer Spaß auf Wanderwegen, manche mögen es auch hier einfach und flach, andere dagegen versuchen sich gar an Klettersteigen. Enduristen geht es vielmehr um die Erholung und Bewegung an der Natur, als um bloßes Adrenalin in der Abfahrt.
  • XC-Biker (Crosscountry): Die Bergauf-Kraxler sind mit Skitourengehern vergleichbar. Forst- und Wirtschaftstraßen im Wald und auf Wiesen werden für zackige Anstiege und konditionelle Herausforderungen gesucht. Gerne werden hier Kilometer gefressen, aber auch gemütliche Hausrunden zur Lieblings-Alm oder eine Gustorunde am Sonnenplateau gehören hierzu. XC-Biker wechseln zwischen einfachen Wanderwegen, bleiben meist aber auf Forststraßen und auch geteerte Radwege im Tal sind für das Vorankommen gerne gesehen.

Alle diese Gruppen haben ihre eigenen Ansprüche. Allen gemeinsam ist, dass sie freie Wegenutzung im Wald und den Bergen fordern. Alle Forstraßen und Wanderwege sollen gleichberechtigt für Biker frei befahrbar sein.

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Vortrag Bike-Bergsteigen Harald Philipp, Foto: Andreas Mihatsch Expedition Erde

Die Bringschuld: Was von Bikern gefordert werden muss

Biker sind eine relativ neue Anspruchsgruppe im Wald und am Berg, die sich ihren Platz noch suchen und dabei auch mit den Forderungen der anderen Gruppen auseinandersetzen und beachten müssen. Regelungen auf Trails müssen für weniger erfahrene Biker klar kommuniziert werden und von allen Anspruchsgruppen im gegenseitigen Gespräch zur Einhaltung eingefordert werden: Soziales Engagement, gemeinsames Nutzen der Wege und Rücksichtnahme auf alle anderen Wald- und Bergnutzer und Anspruchsgruppen.

Dazu gehört sich entsprechend freundlich und rücksichtsvoll jedem Wanderer gegenüber zu verhalten. Striktes Wegegebot, keine wilden Strecken im freien Wald und nicht in Rückzugsgebiete der Wildtiere. Downhill als Wettkampfsport findet ausschließlich in abgesperrten Parks statt. Ansonsten gilt die generelle Wegetoleranz für alle, in hochfrequentierten Gebieten wie Nordkette/Arzler Alm/Hungerburg bieten getrennte Wege für Biker und Wanderer die bessere Lösung.

 

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Gesetzesbrecher! Geht wunderbar miteinander auf den Wanderwegen. Qed.

Verbreitete Irrtümer und Vorwürfe gegen Biker

Oftmals wird man auch im direkten Gespräch mit diversen Vorurteilen am Weg konfrontiert. Häufig wird genannt, dass „Biker doch die Wege zerstören und die Bodenerosion fördern“. Ein weit verbreitetes Vorurteil. Eine große Anzahl an Bikern fördert sicherlich die Wegerosion, das tut die gleiche Anzahl an Wanderer allerdings ebenso. Wer kennt sie nicht die ausgewaschenen Almwege. Biker sind hier nur selten die „Schuldigen“. Der Baumeister der Erosion ist die Natur selbst. Regen und Schneeschmelze allen voran. Viele blockierte rutschende Hinterräder fördern dies sicher, daher gilt auf Wegen für Biker die Regel nur minimale Spuren zu hinterlassen. Blockierte Hinterräder gehören in einen Bikepark auf abgesperrte und gepflegte Strecken. So mancher Förster hat dies bereits erkannt und auch veröffentlicht, „einmal mit dem Harvester durch den Wald, richtet man mehr Erosion an, als es hunderte Biker nicht in mehrere Jahren schaffen würden“.

 

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Verbreiterter Irrtum: Diese typischen Almwiesen-Erosionen haben mit Sicherheit noch keinen Mountainbiker gesehen.

„Biker verjagen das Wild“ hört man oft von Jägern. Ein Faktum, das schlicht nicht zutreffend ist. In zahlreichen Fachpublikationen gilt als klares Ergebnis, dass Wildtiere sich erstens an menschliche Eingriffe gewöhnen (z.b. Lifte, Straßen, Wege) und zweitens der Fluchtinstinkt nicht durch die bloße Anwesenheit von Menschen erzeugt wird, sondern eben durch die Jagd selbst. Biker bleiben auf den bisher vorhandenen Wegen und stören die Jagd keinesfalls.

Sicher mag es weitere verbreitete Vorurteile gegen Biker geben. Das ist legitim und Kritik wird von vielen aktiven Bike-Unterstützern gerne angenommen. Wir bitten um Gleichberechtigung, nicht um gesonderte Privilegien. Es ist genug Kuchen für alle da.

 

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Entspanntes Fahrradfahren auf geteerten Bewirtschaftungswegen: Darauf stehen 730.- Euro Strafe per Gesetz oder eine Woche Haft!

Ein Lösungsansatz: Bikearena Innsbruck

Innsbruck hat ein weltweit fast einzigartiges Potential für Biker. Einiges wird schon genutzt, anderes erfordert neue Konzepte bei minimalen Eingriffen in die Natur. Ein zukunftsweisendes Konzept für den Tourismusstandort Innsbruck könnte wie folgt aussehen

  • Alle Wanderwege und Forstraßen werden prinzipiell von Bikern und Wanderern gemeinsam genutzt bei gegenseitiger Rücksichtnahme. (Ausnahme: Hochfrequente Zonen)
  • Bikepark Patscherkofel mit schneller Anbindung an Innsbruck-Zentrum. Verbindung mit Glungezer für Enduristen. Gemischtes Konzept zwischen getrennter (Patscherkofel) und gemeinsamer Wegnutzung (Glungezer). Effizientere Nutzung der bestehenden Anlagen und wirtschaftliche Verbesserung der Sommerzeit.
  • Bike- und Enduroarena Mutters-Lizum. Vorhandene Infrastruktur wird verwendet, minimale Wegneubauten im bisherigen nur im Winter genutzten Skigebiet. Neubau Verbindungslift Birgitzköpfl, ansonsten keine neuen Anlagen. Mehrere Strecken in Mutters und Natters, sowie Bikeparkzentrum in der Axamer Lizum. Effizientere Nutzung der aktuellen oft leerfahrenden Anlagen.
  • Getrennte Nutzung Nordkette: Hoher Benutzerdruck auf der Achse Congress/Hungerburg/Arzler Alm, daher getrennte Wegnutzung wie bisher. Schaffung von leichteren Alternativen zum Nordketten Singletrail. Gemeinsame Wegnutzung mit klarer Beschilderung auf allen anderen Wegen. Entlastung durch Schaffung anderer Angebote.

Zusammen in die Bike-Zukunft

Damit dies erreicht werden kann, müssen Biker und andere Anspruchsgruppen in folgenden Punkten zusammenarbeiten.

  • Es sollte ein Miteinander statt ein Gegeneinander stattfinden.
  • Die aktuelle gesetzliche Lage muss der Veränderten Wirklichkeit angepasst werden. Integration der nichtmotorisierten Nutzung von Forst- und Wirtschaftsstraßen sowie Wanderwegen.
  • Die Versicherungspflicht der Grundstückseigentümer muss abgeändert werden – weg von der Versicherungspflicht des Eigentümers/ Pächters/ Anrainers hin zur strikten Eigenverantwortung der jeweiligen Naturnutzer. Insbesondere der Tourismussektor ist als Nutznießer hier in der Bringpflicht.
  • Die Ansprüche des Forstbetriebs im Nutzwald müssen sinnvoll in einem Bikekonzept berücksichtigt werden (Forstarbeiten haben Vorrang und sollen weiterhin lokale und zeitlich begrenzte Sperrungen vollziehen dürfen). Gleiches gilt für die allgemeine Bergsicherung.
  • Jagdrechte und -zeiten müssen weiterhin gesichert sein, dort wo sie vernünftig und sinnvoll sind.
  • Ghettoisierung der Anspruchsgruppen strikt vermeiden. Wanderer, Kletterer, Paraglider, Skifahrer, Mountainbiker etc suchen alle die Erholung in der aktiven Natur und müssen gleichberechtigt behandelt werden. Miteinander statt gegeneinander.

Aktuelles Mountainbikemodell Tirol

Aktuelles gesetzlich konformes und befahrbares Wegenetz

Aktive aktuelle Diskussion in einem Bergsteigerforum über die Integration der Mountainbiker im alpinen Raum

Österreichische Mtb-Bewegung „legal Biken“

Regeln der DIMB (Deutsche Initiative Mountainbike) von und für Biker

3 COMMENTS

  1. Bravo, eine sehr gute und kompetente Zusammenfassung über das Biken in der Natur, speziell um Ballungsräume . Aber auch die Vorlage von kompetenten konstruktiven Lösungswegen. Da sind wir sehr nahe vom Konzept.
    Beste Grüße aus Wien
    Alex

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