Kommentar – Jetzt mal Tacheles

Ist der Endverbraucher der Testdummy in der Outdoorbranche?

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Werbung der Firma ABS auf selbst erhobener, statistischer Grundlage, Quelle slf.ch

Schon wieder eine Rückrufaktion. Ein Unternehmen ruft quasi alle seine in den letzten 18 Jahren hergestellten Produkte zurück. Ein Unternehmen, das Sicherheitsequipment anbietet, selbst aber die Qualitätssicherung schleifen lässt. Die aktuelle Rückrufaktion ist nicht die erste von ABS und auch nur eine von vielen in der wintersportbezogenen Outdoorindustrie.

Sicher, eine geregelte Explosion nah am menschlichen Körper zu zünden, um einen Ballon aufzublasen, ist kein einfaches Unterfangen. Es braucht Entwicklung, Materialwissen, viele Tests und viele unvorhergesehene Probleme müssen immer wieder gelöst werden. Die ABS Twinbags sind seit 1996 in Gebrauch, mehrere Rückrufe gab es bereits. Der aktuelle Fall scheint ein bisschen wie die Spitze des Eisberges zu sein. Kleine Teilchen werden beim Wiederbefüllen in die aufzuladende Kartusche geblasen und können sich so bei einer Wiederverwendung im System verfangen und zu Problemen führen.

ABS Rückrufaktionen

2014: Nachrüstung für Vario Base Units der Produktionsreihe 2011/12

2013: Ortovox 32+7 ABS + TOUR 30+7 W ABS

2013: Produktwarnung ABS Wireless Activation (Quelle: Pressemitteilung)

2011: Rückruf Stahlpatronen (Quelle)

1996

1996 wurde Deutschland das letzte Mal Fußball-Europameister.

1996. Seit 1996 sind die ABS Twinbag-Systeme im Verkauf und Gebrauch. Seit womöglich 18 Jahren werden diese fehlerhaften Vorgänge vollzogen. Bis zu 18 Jahre sind die entsprechenden Teile schon in Verwendung. Bis zu 18 Jahren ist wohl niemand auf die Idee gekommen die wiederbefüllten Kartuschen einer Eingangs- und Ausgangskontrolle oder zumindest stichprobenartig einer umfassenden Funktionskontrolle zu unterziehen. Solch ein Fauxpas sollte heutzutage nur vorstellbar sein – und das klingt absichtlich polemisch –, wenn die Qualitätskontrolle die letzten fast zwei Jahrzehnte konstant auf Urlaub war.

Rückrufaktion Stahlpatrone Dez. 2014

Ein weiterer Fauxpas eines Unternehmens, das sich selbst auf die Fahne schreibt, dass die Sicherheit der eigenen Kunden ihre oberste Prämisse ist. Mit “97% Überlebensrate” wurde in der eigenen werblichen Ansprache kommmuniziert. Als Grundlage diente ein Datensatz, der von keinem externen Beobachter einsehbar ist und dem Konsumenten mitunter ihr Leben anvertrauten. Vielleicht wollte man auch einfach nicht genau hinschauen bei ABS.

Zahlen der ABS-Werbung

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Werbung der Firma ABS auf angeblich statistischer Grundlage, Quelle slf.ch

 

Zahlen einer unabhängigen Airbag-Wirksamkeitsstudie:

Überlebenswahrscheinlichkeit mit Airbag 89%

Überlebenswahrscheinlichkeit ohne Airbag 78%

 

Der Kunde als Betatester

Es ist ein Problem, das sich durch fast die gesamte Branche zieht. Hier die Airbagrucksäcke von ABS, dort versagende Klettersteigsets, brechende Lawinenschaufeln, zertrümmerte Knie wegen mangelhaftem Eisen in Salomon Skischuhen, Skibindungen, die nach 5 Tagen Gebrauch verschlissen sind. Eine aussagekräftige aber bei Weitem unvollständige Rückrufliste findet man z.b hier.

Zählt man all diese genannten und nicht genannten Produktfehler zusammen und addiert eine gesunde Prise Realitätsanspruch an Produkte, kommt man im Schluss zu einer Frage:

[quote_center]Ist der Endverbraucher der neue Testdummy in der Outdoorbranche?[/quote_center]

Wie weit ist das, was da auf den Markt geworfen wird, tatsächlich “fertig” entwickelt? Wie lange gehen die einzelnen Testzyklen? Was wird in den Testzyklen getestet? Gibt es ein Vier-Augen-Prinzip? Gibt es unabhängige praktische Tests? Wie unabhängig sind diese? Wie ist der Umgang mit Feedback? Wie der Umgang mit Kritik? Nach welchem System erfolgt das Qualitätsmanagement?

Speziell ABS ist aufgefordert auf diese Fragen zu beantworten. Aber auch viele andere Unternehmen, die von berechtigten Produktreklamationen betroffen sind, müssen sich früher oder später diesen Fragen stellen.

Das gute Ende

Im Falle ABS gibt es aber auch eine gute Nachricht: Wer keinen betroffenen Rucksack hat, braucht sich auch keine Sorgen machen. Psychologische Untersuchungen stellen ohnehin immer wieder fest, dass optionale Sicherheitsausrüstung oft den erwarteten Sicherheitsgewinn nicht einlösen kann. Der Faktor Mensch geht mit dieser Ausrüstung schlicht zu oft größere Risiken ein als ohne.

Powder+ ist gespannt, ob ABS diese Rückrufaktion überlebt. Wäre nicht das erste Mal, dass ein eigener Fehler, oder der eines Zulieferers einen Produzenten im Consumermarkt in den Konkurs zieht.

Alternativ darf sich natürlich auch weiterhin ganz ohne Lawinenairbagrucksack am Berg bewegt werden. “Hirn an” hat selten – weder am Berg, noch beim Produktkauf – geschadet.

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